Huayhuash, Esel und Orion's D***
Peru 2/2
Nach Chicama sind wir mit dem Car für 45 Minuten den Berg hoch in ein Tal gefahren.
Huaraz ist eine Stadt in den peruanischen Anden auf 3050 Meter über Meer mit ca. 150’000 EinwohnerInnen. Sie ist Ausgangspunkt für beliebte Wanderungen und Trekkings in der Region.
Nach den Erlebnissen in den mexikanischen Bergen waren wir uns der Wirkung von wenig Sauerstoff im Blut bewusst. Alles über 3000 Meter kannte nur ich von einzelnen Tagen auf dem Snowboard.
Am ersten Tag machten wir einen leichten Spaziergang. Als ich nach einem harmlosen Aufstieg mächtig am Keuchen war, meinte Leslie nur, dass die Gegend für BergsteigerInnen bekannt sei, die sich auf den Himalaya vorbereiten würden. Nach über 4 Monaten Surfen waren wir zwar fit und sorgten uns nicht sonderlich um ein bisschen Wandern. Trotzdem habe ich im Himalaya mal gerade gar nichts verloren und wenn ich daran dachte, was uns noch bevorstand, wurde mir etwas unwohl.
Am zweiten und dritten Tag standen wir früh auf und sind mit einem Sammeltaxi 45 Minuten den Berg hoch in ein Tal gefahren. Dort haben wir auf 4000 bis 4500 m ü. M. jeweils zwei Tageswanderungen zu zwei Lagunen gemacht.
Das ist ungefähr so hoch wie das Matterhorn.
Die Landschaft war unglaublich beeindruckend. Wir hatten die Wege mehr oder weniger für uns. Es gibt in der Schweiz ähnliche Landschaften. Was die Anden von der Schweiz unterscheidet, ist die Weite, die Grösse und die Einsamkeit. Die Täler sind riesig, der höchste Berg in den peruanischen Anden ist der Nuevo Huascaran mit 6768 Meter. Die Gletscherseen waren spektakulär und wir genossen die Zeit in der Natur bereits in vollen Zügen. Doch unser eigentliches Ziel war ein fünftägiges Trekking im Huayhuash-Gebirge selber. Mit relativ geringer organisatorischer Vorbereitung wurden wir um 3 Uhr morgens von einem Van abgeholt und in ein noch grösseres Tal gefahren.
Beim Morgenessen im Hinterhof vom Cousin des Fahrers sahen wir zum ersten Mal unsere Gruppe. Noch etwas groggy und verschlafen dämmerte uns, dass wir mit 7 Amerikanerinnen Anfang 20 die nächsten Tage verbringen werden müssen. Die Anhängsel dieser dominanten Gruppe waren ein Pärchen aus Australien in unserem Alter, ein Mathematiker aus Frankreich, eine Buchhalterin aus Peru und ein Student aus Amerika mit dem knallenden Namen Mr. Peng, der zwar auch Ami war, aber definitiv nicht zur Gruppe der 7 gehörte, was weniger mit seiner Herkunft als vielmehr mit seinem Charakter zu tun hatte.
Ich stelle Mr. Peng mit Namen vor, weil er für das lokale Maximum der Qualität der Bilder auf dieser Webseite verantwortlich ist (@picsbypenger). Was Mr. Peng hatte, war eine fette Kamera. Ich fühlte mich mit meinem iPhone wie ein Kind mit einem Schüfeli in einer Kiesgrube neben einem Bagger. Ab und zu durfte ich mit Mr. Pengs Kamera ein Foto schiessen und er hat dafür eins von Leslie und mir gemacht. Obwohl die Versuchung, eine „richtige Kamera“ zu kaufen, natürlich jeden Tag grösser wurde, war ich gleichzeitig auch super froh, das Ding nicht schleppen zu müssen. Ausserdem war mir bei diesem leichten Anflug von Spielzeugneid durchaus bewusst, dass ich weder die Zeit noch das Geld für ein weiteres Hobby habe.
Immer noch mit erstaunlich wenigen Infos und Ankündigungen seitens der Organisation wurden dann plötzlich irgendwelche Esel mit Kisten und Säcken bepackt. Ich realisierte schnell, dass die ganze Woche trotz der Packesel eine rechte körperliche Herausforderung wird, denn es wehte ein bitterkalter Wind und wir waren noch keinen Meter gelaufen.
Stöcke wurden verteilt. Ich hatte bereits alle Schichten an und fror trotzdem jämmerlich. Und dann ging’s los. Und zwar nach oben.
Das Atmen war enorm anstrengend und ich hatte ein Stechen in der linken Brust. Dass ich noch aus der Schule wusste, dass links die Herzgegend ist, liess mich nicht gerade locker atmen und die Natur geniessen. Nach knappen 25 Minuten reaktivierte ich meinen alten Symbicort-Asthma-Spray, den ich in weiser Voraussicht eingepackt hatte, und versuchte, nicht an die nächsten 5 Tage zu denken. Ich wusste, dass, wenn ich auf 4000 m ü. M. den Herzkasper machte, mir das bisschen Cortisol nichts helfen würde. Ich hätte mir mit meiner Rega-Gönnerschaft in Huaraz besser einen Esel gekauft.
Dazu kam, dass die sieben Amerikanerinnen nonstop laberten. Ich dachte, das würde sich nach den ersten Höhenmetern legen, aber dem war nicht so. Von den Frisuren ihrer Eltern bis zur Bikinifarbe und ihren DIY-Bastelvorlieben – die Themen gingen den Mädels zu meinem blanken Entsetzen nicht aus. Mir dafür langsam aber sicher der Schnauf.
Stellte sich heraus, dass die Girls zwar „born and raised“ in the greatest country in the world sind, aber aktuell seit über einem Jahr als active members of the Peace Corps in einem der „not so greatest countries in the world“ am volunteeren sind. Und zwar auf etwa 3000 m ü. M.. Genauer noch: In den Anden in Peru. Besser akklimatisieren geht gar nicht – joke’s on me – und die Ladies laberten und laberten und laberten, als wären sie in Venice Beach bei einem lockeren get-together und würden mit Rollschuhen und Matcha Lattes in der Hand über die Promenade in den Sonnenuntergang cruisen. Ich kotzte dabei vor Anstrengung fast auf den Boden.
Ich muss sagen, die ersten Stunden in den Anden kenne ich nur von Fotos. Vornübergebeugt konzentrierte ich mich darauf, einen Fuss vor den anderen zu setzen. Ich fühlte nichts von der Erhabenheit der Natur. Mir war arschkalt und ich pfiff aus dem letzten Loch. Langsam aber sicher dachte ich, wir hätten einen groben Fehler gemacht. Leslie ging es während der ersten Stunden am Berg ausgezeichnet. Sie hatte Freude an den Eseln und an der Natur und steckte sowohl die Höhe als auch die Kälte locker weg.
Auf dem ersten Pass angekommen, erholte ich mich ein wenig und wir wurden mit einer fantastischen Weitsicht und fliegenden Kondoren belohnt. Ich gesellte mich mit meinem Znüni-Landjäger unauffällig zu den Amerikanerinnen hin und schielte zu den mächtigen Viechern in der Luft. Ich träumte davon, wie sie ihre Schwingen zusammenklappten und im Sturzflug auf die Amerikanerinnen nieder sausten, um sie an den Haaren weit ins Land zu tragen. Leider passierte nichts. Da ich sicher bin, dass auch Kondore Landjäger mögen, muss es an den Amerikanerinnen gelegen haben.
Und so neigte sich der erste Tag dem Ende zu und wir kamen zum Camp. Dort waren von unsichtbarer Hand alle Zelte bereits aufgestellt und es gab Tee und Kekse. Das ist Camping nach meinem Geschmack.
Denn jedes Kind weiss, dass, wenn ein Campingausflug auch Auf- und Abbau des Zeltes, im schlimmsten Fall auch noch Kochen, beinhaltet, auf einem solchen Ausflug nicht viel Zeit für anderes übrig bleibt. Als alter Jungschar-Hase blieb mir nur das leicht schlechte Gewissen und einmal mehr das Staunen über den Wechselkurs von CHF zu den neuen peruanischen Soles. Das Trekking kostete für 5 Tage inklusive Guide, Essen, Eseln und aufgestelltem Zelt: 390 CHF pro Person.
Natürlich gehörten die unsichtbaren Hände sichtbaren und sehr freundlichen Menschen. Wie gesagt waren es Sie die, das Essen kochten, die Zelte aufstellten und unsere Schlafsäcke packten (siehe schlechtes Gewissen). Arturo war unser Guide. Im Sommer surft und arbeitet er übrigens auch in Chicama und wir hatten eine super Zeit mit ihm. Jeden Morgen hat er uns mit heissem Maté de Coca aus dem Zelt gelockt. Einen solchen Service hatte ich in einem Zelt noch nie. Ohne die HelferInnen wäre die ganze Übung natürlich nicht möglich gewesen. Interessiert euch eine etwas differenziertere Perspektive zu der ganzen Thematik – Preis-Leistung, schlechtes Gewissen und lokale Helfer – kommt gerne auf mich zu. Das Thema hat uns schon auch beschäftigt.
Der nächste Tag war besser. Nur noch leichtes Herzinfarktgefühl und mein Sichtfeld wurde langsam grösser. Die Natur war unglaublich schön – die Berge, die Seen und Gletscher – ich hatte noch selten so Freude am langweiligen Laufen in der Natur.
Enorm eindrücklich waren die Esel.
Die kletterten Pfade und Wege hoch, die wir zu Fuss langsam und konzentriert laufen mussten.
Ich habe noch nie einen Vierbeiner mit rutschigen Hufen so steil den Berg hochklettern sehen.
Die Amis laberten weiter, Mr. Peng fotografierte und so vergingen die Tage.
Das Essen war solide. Die Schlafsäcke warm und der Sternenhimmel spektakulär.
Von der Schwierigkeit her gab es eine oder zwei Stellen, die mir persönlich leicht an der Grenze waren. Die ziehe ich für mich folgendermassen: Ich weiss, dass ich mir ungefähr einmal pro Woche entweder den Kopf, die Zehen oder das Schienbein anstosse. Ausserdem kommt es vor, dass ich mich an etwas verschlucke oder manchmal Dinge vergesse. In meinem Alltag sterbe ich an solchen „Ausrutschern“ in aller Regel nicht. Für mich ist die Grenze beim Wandern dort erreicht, wo ich wegen eines solchen Ausrutschers potenziell als Matsch auf einem Felsen 100 Meter weiter unten enden könnte.
Aber ich wurde ja nicht nach der Route gefragt. Insofern blieb mir nur: durchatmen, konzentrieren und nicht! ausrutschen. Doch das waren, wie gesagt, zwei Situationen in einer Woche Wandern. Wenn ich ausserdem an die Albtraum Taxifahrt ins Tal nach Lima zurück denke, so erscheint mir das Wandern an exponierten Stellen geradezu lächerlich sicher. (Wie schnell fährt man in Peru auf einer kurvigen Passstrasse? Genau gleich schnell wie auf einer Geraden. Man hupt einfach vor der Kurve.)
Je länger wir unterwegs waren, desto mehr genossen wir die Natur. Die Etappen waren vielseitig und kein Tag glich dem nächsten. Das einzig Eintönige und Langweilige war das Gelaber der Amis.
Am letzten Tag hat Leslie dann etwas gemacht, das ich als chronischer People Pleaser nicht nur enorm bewundere, sondern das mir und der ganzen Gruppe den Genuss der peruanischen Anden auf eine ganz neue Art und Weise ermöglicht hat.
Leslie ist doch tatsächlich zu Beginn der letzten Mittagspause zur Rudelführerin der Amerikanerinnen hin und hat sie, taktisch äusserst klug und gewieft, um einen Gefallen gebeten. Keine Ahnung, was sie genau gesagt hat (ich getraute mich nicht, genau hinzuhören) – auf jeden Fall war die Wirkung spektakulär.
Die ganze Delegation des US Peace Corps packte sich Wireless-Kopfhörer in die Ohren und der Rest der Gruppe konnte dank Leslie ungestört die Siesta geniessen.
Die klingende Stille läutete eine fröhliche Melodie durch das Andental, die Kondore sangen, die Esel frohlockten, die Berge tanzten und die Amis hielten tatsächlich ihre Schnauzen.
Keine Angst, die diplomatischen Brücken zwischen der Schweiz und den USA haben wir nicht komplett abgebrannt. Mr. Peng meinte übrigens, auch er als Ami müsse sich an amerikanische Touristengruppen immer wieder aufs Neue gewöhnen. Auch mit dem australischen Pärchen haben wir unsere Wahrnehmung abgeglichen und Leslie konnte so ohne schlechtes Gewissen intervenieren. Ausserdem verpackten wir am Abend Leslies taktische Bitte um Stille in ein inneres Bedürfnis nach Achtsamkeit und machten daraus in der Retrospektive eine spirituelle Mindfulness-Übung. So trendy verpackt waren wir „besties“ mit den Cali Girls und konnten uns oberflächlich über unsere tiefen spirituellen Erfahrungen in der Natur austauschen.
Ausserdem waren wir doch ziemlich beeindruckt von den Mädels. Nicht nur waren sie super fit und bestens akklimatisiert, sie waren auch 2 Jahre auf einem freiwilligen Einsatz in Peru, sprachen fliessend Spanisch und das alles vor Mitte zwanzig.
Dazu kam, dass sie ab und an die Lacher des Tages servierten. Einen möchte ich zum Abschluss an dieser Stelle erwähnen.
Wir sitzen im Zelt. Das Essen ist fertig und wir haben eine angenehme Runde mit schönen Gesprächen. Es wird schon fast intim, man interessiert sich füreinander und hört einander zu. Zufrieden und satt stehen wir auf und kommen in der Nacht auf 4500 m ü. M. aus dem Essenszelt hinaus. Der Blick geht nach oben und fassungslos staunend starren wir in einer mondlosen Nacht in ein Heer von Sternen. Tief ergriffen von der Weite des sichtbaren Kosmos und der winzigen Endlichkeit der eigenen Gegenwart kommt Cali Girl No. 1 aus dem Zelt, wirft einen Blick nach oben und sagt: „Oh wow, I can see the Milky Way and Orion’s dick or something like that.“
Truly amazing.