Oh, wie schön ist Panama!
Tschüss Nicaragua und Hello Panama. Die Reise mit dem Car war problemlos. Durch Costa Rica sind wir durchgefahren. Die Grenzübergänge waren mühsam. Anstehen, Zahlen, Raus. Anstehen, Zahlen, Rein. Einmal mehr macht mich das Schweizer Legalitätsprinzip stolz. Ich bin froh, dass ein Schweizer Zollbeamter nicht einfach einen Zettel laminieren kann, um damit von allen Ausländern einen Fünfliber zu verlangen.
Kurz vor Panama City fahren wir mit einem Sammeltaxi südlich nach Cambutal. Panama fühlt sich ruhiger und stabiler als Nicaragua an. Die Menschen sind freundlich und helfen gerne.
Cambutal ist ein Nest am südwestlichen Zipfel Panamas an der Pazifikküste. Es hat eine kleine Community aus Expats, hauptsächlich SurferInnen aus aller Welt, die dort zu Hause sind. Ben und seine Familie sind aus Florida ausgewandert. Er führte 10 Jahre erfolgreich seine Firma und will jetzt Zeit mit seinen Kindern verbringen. Oder Kenny und Tereza. Tereza ist aus Tschechien, Kenny aus Panama. Sie führt das lokale Café.
In Cambutal geht eine Strasse bis ans Meer und von dort der Küste entlang. Wenn es regnet, kann es sein, dass man abgeschnitten ist. Die Strände sind schwarz, der Dschungel dahinter leuchtet in einem selten satten Grün. Es ist feuchtwarm. Die Regenzeit hat gerade angefangen und wir geniessen das Wasser nach der trockenen Zeit in Nicaragua.
Wir wohnen bei Luisa und Bruno. Luisas Familie ist aus Deutschland nach Kanada ausgewandert. Luisa dann weiter nach Panama. Luisa hat Kunst studiert und töpfert. Bruno ist während des Bürgerkriegs in Südafrika aufgewachsen und hat auf der ganzen Welt auf Surfyachten gearbeitet. Bei einem Überfall in Südafrika wurde er an der Wirbelsäule verletzt. Seitdem ist Bruno im Rollstuhl. Und Bruno surft.
Ich habe selten in meinem Leben etwas Eindrücklicheres mitgemacht, als einem über 50-jährigen Mann im Rollstuhl ein Surfbrett ans Meer zu tragen, damit der sich dann auf den Händen über den Strand in Richtung Meer ziehen kann, um sich in die Wellen zu werfen. Schon mit Beinen ist dieser Moment, zumindest mit grossen Wellen, eine etwas knifflige Angelegenheit. Ohne Beine ist es eine Herausforderung mit realen Konsequenzen. Bruno meistert sie wie alles. Gelassen und humorvoll.
Für alle, die mehr über Bruno wissen möchten, (HIER) der Link zu seiner Doku „DEVOCAEN“ auf YouTube. Auf Netflix heisst die längere Version „Ocean Therapy“.
Die Zeit vergeht rasch. In der Regel arbeiten Bruno und ich von 8:00 Uhr am Morgen bis 12:00 Uhr am Mittag am neuen Haus. Ich mache alles, was im Rollstuhl tatsächlich unmöglich ist, wie beispielsweise auf einer Leiter Äste aus einem Baum zu schneiden oder Wellblech auf ein Dach zu nageln. Tatsächlich sind für Bruno nicht viele Aufgaben wirklich unmöglich. Es ist vielmehr eine Frage der Zeit – nicht, ob er etwas machen kann, sondern nur, wie lange etwas dauert.
Ich bin einmal mehr erstaunt, wie viel Freude ich an der Arbeit mit meinen Händen habe. Mir gefällt es, darüber nachzudenken, wie man eine Wand in einem Badezimmer baut. Was sind Details, die später mühsam werden, wie können wir Material sparen, wie hält das Ding? Dann gefällt es mir, das Holz zu holen, die Bretter auszumessen, zu sägen, zu schleifen, zu streichen, vorzubohren und dann zu verschrauben.
Am Nachmittag spielen wir Schach. Bruno gewinnt – ausser er macht einen Fehler. Er habe in Bali viel gespielt. Ich war noch nie in Bali. Deswegen.
Leslie massiert und reduziert so mit einer Spezialisierung die von ihr verlangte Arbeitszeit um drei Stunden. Sowohl Luisa als auch Bruno schätzen ihre Arbeit und bestätigen so ihren Entschluss, im November die Ausbildung zur therapeutischen Masseurin zu beginnen. Wir surfen oft. Dann kochen, essen und lesen. (u. a. Awe von Dacher Keltner (ehrfürchtig), Voyage for Madmen von Peter Nichols (unglaublich abenteuerlich), Ordinary Men – Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution von Christopher R. Browning (schockierend), 5am Club von Robin Sharma (seicht motivierend), Hound of the Baskervilles von Arthur Conan Doyle (klassisch kurzweilig), Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie (ergreifend) und Walden von Henry David Thoreau (natürlich substanziell)). Und Fussball-WM (korrupt).
Einmal am Tag regnet es. Dann scheint die Sonne und es wird warm. Wir schlafen mit zwei Ventis und einem Mückennetz. Wir dürfen Brunos Motorräder brauchen und fahren entlang der Küste die unterschiedlichsten Surfspots ab.
Noch selten war ich so der Natur ausgesetzt wie in Cambutal alleine im Wasser. Von Panama City sind es sicher 6–8 Stunden mit dem Auto nach Cambutal. Und von dort nochmals mit dem Motorrad über eine unbefestigte Strasse. Man durchfährt Bäche und kleine Flüsse. Dann klettert man in Badehosen über Felsen ins Meer und paddelt zum Riff in die Wellen raus. Man sieht ausser Wasser und Dschungel nichts. Und doch spürt man, wie alles rundherum lebt.
Achtung: Was folgt, ist zynisch und überzeichnet. Es handelt sich um eine satirisch-gesellschaftskritische Beobachtung. Ausserdem bin ich für eine strikte Trennung von Autor und Werk.
Am Flughafen in Panama City stossen wir auf einen Sensory Room mit folgender Beschreibung:
Welcome to the Sensory Room at Tocumen Airport
This space has been created especially for neurodivergent individuals or those with sensory hypersensitivity conditions, such as autism spectrum disorder.
Our goal is to provide a calm, safe and supportive environment that makes travel a more accesible and respectful experience for everyone.
This initiative is the result of the joint efforts of Tocumen International Airport, SEMM Medical Assistance, and the Office of the First Lady.
Folgende drei Kommentare dazu: (Nöd als Kritik, als Aaregig)
- Schön, wenn ein Land die Mittel hat, sich um Randgruppen zu kümmern. Die Strassen in Cambutal waren auf jeden Fall nicht sonderlich „accessible“. Ich könnte mal Bruno fragen.
- Ich wäre für einen joint effort der First Lady im Bereich der Grundbedürfnisse. Davon würde das ganze Spektrum profitieren. Ein konkreter Vorschlag: Trinkwasser aus dem Hahn und ein Klärsystem, das auch mit Toilettenpapier zurechtkommt. Ich hasse die Klopapierkübel neben der Schüssel. Disgusting.
- Als durchaus sensible Person frage ich mich in einem Raum mit farbigen Disco Lichtern, verzerrten Spiegeln und Lavalampen, welcher sensorische Reiz damit reduziert wird. Was diese Karikatur von Kinderarzt Wartezimmer und Fiebertraum mit „making travel a more accessible and respectful experience“ zu tun hat, ist mir schleierhaft.
Love the effort though.