Vulkan und andere heisse Aktivitäten
Fährt man im Sonnenuntergang auf einer alten schwedischen Fähre auf dem grössten Süsswassersee Mittelamerikas in Richtung Ometepe, so versteht man, was John Williams mit den ersten Noten des Waldhorns im Jurassic Park-Titelsong gemeint hat.
Ausser Frage steht beim Anblick der beiden Vulkane, dass wir beide dort hoch wollen. Selbstverständlich auf den grösseren.
Mit rudimentärer Recherche, Snacks und genügend Wasser im Gepäck treffen wir Efraim um 06:30 Uhr am Fuss des Vulkans. Dass Efraim Gummistiefel und Jeans trägt, stimmt mich guten Mutes.
Auf einem Trampelpfad laufen wir während ungefähr einer Stunde durch einen lichten Wald mit Bananenpflanzen, Mangos und Chilamates. Es ist heiss, feucht und bedeckt. Und plötzlich wird es steil.
Während der nächsten 2 Stunden klettern wir auf einem verschlungenen Pfad durch eine feucht-rutschige Landschaft nach oben. Wir ziehen uns an Wurzeln hoch und konzentrieren uns auf den nächsten Schritt. Eine Nebeldecke hüllt uns ein. Efraim klettert voran, und einmal mehr nehme ich mir vor, mich von Kleidung in Zukunft weder abschrecken noch beeindrucken zu lassen.
Der Wald ist einzigartig. Man sieht nicht, wo die bemoosten Bäume beginnen und wo sie aufhören. Wurzeln, Lianen, Flechten, Äste und Rinde sind auf eine Art und Weise ineinander verwachsen, die jegliche Orientierung schwierig macht – einzig die Schwerkraft erinnert einen daran, in welche Richtung man will. Das grüne Geflecht aus Natur macht nur widerwillig Platz für die drei Eindringlinge, die sich hier mühsam nach oben kämpfen.
Der Untergrund wird schwarz und sandig. Nach ungefähr 3 Stunden kommen wir aus dem Wald in eine bewachsene Landschaft, die einer Alpenweide oberhalb der Baumgrenze ähnelt. Das Grün ist intensiv, die Blätter sind kräftig und das Gewächs bedeckt den hügeligen schwarzen Boden. Dazwischen wachsen dicke Blätter mit rauen Kanten und kratziger Oberfläche. Kleine gelbe Blumen trotzen der grünen Übermacht. Über diese steil ansteigende schiefe Ebene fegt ein eiskalter, feuchter Wind. Die Sicht beträgt 20 Meter. Vom Krater noch keine Spur.
Mir dämmert langsam, dass ich den Vulkan etwas unterschätzt habe. Dazu kommt, dass die letzte Nacht ein Musterbeispiel an tropischem Bullshit war. Fliegende Ameisen krochen zuhauf aus der Badezimmertür, und als der Nachtwächter uns dann in ein anderes Zimmer brachte, dachten wir, das Schlimmste sei überstanden. Da jedoch unser Mückennetz im anderen Ameisenzimmer war, frassen uns jetzt die Mücken, mit dem Resultat, dass wir knapp 2 Stunden geschlafen haben.
Dann riecht man Schwefel. Und nach einer weiteren mühsamen Stunde kommen wir oben am Krater an. Man sieht nix. Leslie ist am Ende ihrer Kräfte. Sie hat Krämpfe und hat glücklicherweise in einem hellsichtigen Moment am Morgen Ibuprofen eingepackt. Ich riskiere einen Frodo-Witz. Der kommt mittelmässig gut an. Eingepackt in Regenjacken und Thermoshirt essen wir kalte Weizenfladen und Käse. Wir sind oben.
Genauso weit weg wie die Rega-Basis in Kloten scheint mir der Weg nach unten. Ich bete, dass das Ibuprofen einfährt. So oder so ist allen sonnenklar, dass wir keine andere Wahl haben, als zu Fuss wieder nach unten zu steigen.
Das Medikament wirkt. Dann reisst der Nebel auf, und wir werden mit Sonnenschein und einer fantastischen Aussicht auf die ganze Insel belohnt. Die letzten 2 Stunden Abstieg sind Formsache. Ein bisschen Action gibt’s noch, als wir ein Stück auf losem Vulkangestein in der Falllinie runterspringen. Dann kommen wir unten an.
Für die 6 Kilometer und 1600 Höhenmeter hoch und runter haben wir 8 Stunden gebraucht.
Am nächsten Tag haben wir Sauna auf dem Programm. Das machen wir in El Pital, einer Kakao- und Wellnessfarm. Ich persönlich bin nicht Fan von «Concept Stores». Und Kakao- und Wellnessfarm tönt für mich stark nach Konzept. Mich nervt beispielsweise, wenn ein Café T-Shirts, Parfüm und Ohrringe verkauft. Auch muss ich in der Sauna nicht Kaffee trinken. Item, El Pital überrascht. Und zwar positiv. Die Sauna haben wir für uns. Das Essen und der Kaffee sind top. Die Bedienung ausserordentlich. Die Kakao-Tour inspirierend und die Schokolade Weltklasse. Das Konzept geht auf.
Die restlichen Tage verbringen wir mit Lesen und geniessen das erste Mal seit Langem tropischen Regen. Die Regenzeit in Nicaragua hat sich dieses Jahr verspätet. Ausserdem besuchen wir Ash und Lucy. Am Ende eines kleinen Weges, den wir mit dem Motorrad gerade noch so hochkommen, laufen wir zu Fuss 10 Minuten den Vulkan hoch. Dort wohnen Ash und Lucy. Sie programmieren in der Nacht und geben Englischlektionen, Starlink sei Dank und am Tag bepflanzen sie die vulkanische Erde. Wir erfahren alles über Moringablätter, Permakultur und Kompostierung. Beeindruckend ansteckend sind die Leidenschaft und Gastfreundschaft der beiden.
Als Lucy uns voller Stolz ihren Komposthaufen zeigt und enthusiastisch auf die Temperatur im Innern des Haufens hinweist, ahne ich bereits, dass jetzt die Aufforderung kommen wird, das Erzählte nun an der eigenen Hand zu erfühlen. Ich mache einen Schritt zurück und Leslie streckt ohne zu zögern ihre Hand in den Haufen. Am Abend meine ich zu ihr, dass ich das Hippie-Leben schon noch cool finde. Eigene Kokosnüsse, Bananen, Moringa und Permakultur im Garten finde ich ganz toll. Mein kulinarisches Interesse war vom selbst angebauten Kurkuma begeistert – aber ich habe auch meine Grenzen, und die seien beim Wühlen im Kompost erreicht. Leslie lacht und meint, ja, ausserdem habe sie in dem Moment, als sie die Hand ausgestreckt habe, eine Tarantel gesehen, hätte sie aber aus Höflichkeit nicht mehr zurückziehen wollen.
Es ist schon dunkel, als wir Adios sagen, und auf dem Rückweg durch den Wald sind wir von Glühwürmchen umgeben. Die Nacht beginnt zu funkeln und zu leuchten – ein Schauspiel der Natur, wie wir es so noch nie gesehen haben.